JONAS DAHLBERG - JÁN MANCUŠKA:
THE FIRST MINUTE OF THE REST OF A MOVIE
30. September – 27. November 2005
19. Januar–28. März 2010
Sonntag, 17. Januar, 12 Uhr Eröffnung
Dass Sprache Bilder erzeugt, und umgekehrt Bilder Sprache und Sprechen evozieren, ist hinlänglich bekannt. In der Ausstellung Jonas Dahlberg (*1970) - Ján Mančuška (*1972) treffen zwei Künstler zusammen, die, so unterschiedlich ihr Werk auch ist, beide Fragen des Verstehens thematisieren. Das Verstehen ist immer abhängig vom Standpunkt, der eingenommen wird. Während Jonas Dahlberg mit filmischen Bildern den Betrachterstandpunkt im Raum auslotet, dekonstruiert Jan Mančuška in seinen Installationen das begriffliche Verstehen – Sprache – im Raum. Sprache und Raum sind essentielle Parameter, die unserem Verständnis der Welt zugrunde liegen. Sprache, Bild und Raum gehen eine Verbindung ein, um Prozesse des Verstehens aufzubrechen und räumlich erfahrbar zu machen. Die Ausstellung ist keine gemeinschaftliche Ausstellung im herkömmlichen Sinne. Die Künstler lassen sich vielmehr auf einen künstlerischen Dialog ein und entwickeln ein Experimentierfeld, auf dem ihre Werkkomplexe im wortwörtlichen Sinne zusammenfallen. Das Zusammenbringen verschiedener Künstler innerhalb einer Gruppenausstellung kann zu einem kontinuierlichen künstlerischen Austausch oder einfach zu Freundschaft. führen Das Ziel jeder Gruppenausstellung ist es zudem nicht nur künstlerische Positionen hinsichtlich eines bestimmten Themas oder eines gegebenen Konzeptes zu zeigen, sondern einen künstlerischen und intellektuellen Dialog in Gang zu bringen.
Letzteres ist Ausgangspunkt der künstlerischen Annäherung von Jonas Dahlberg und Ján Mančuška im Bonner Kunstverein. Die Ausstellung wird gleichzeitig der Beginn einer Serie von dialogischen Ausstellungen sein, welche im Bonner Kunstverein präsentiert werden und deren Ziel es ist, verschiedene Möglichkeiten eines Zusammenarbeitens zu suchen und zu hinterfragen. Bezug nehmend auf die bestehende Architektur des Hauses und die bevorstehende Renovierung, entwickeln Dahlberg und Mančuška ein Dispositiv, in dem Sprache zu Raum wird. Auf der diesjährigen Biennale in Venedig ist Ján Mančuška mit der Installation " A Cup" im tschechisch-slowakischen Pavillon ("Modell of World") vertreten. In seinen meist skulpturalen Arbeiten konkretisieren sich die nach Immaterialität drängende Kognition und Sprache. Mančuška spielt den Raum aus, im Unterschied zu vielen anderen konzeptuellen Ansätzen, die sich mit Fragen der Zuweisung von Bedeutungen beschäftigen. Begriffliches Denken nimmt in skulptural modulierter Sprache im Raum Gestalt an, wobei kognitive Prozesse körperlich erfahrbar werden. Beeindruckend dabei ist die Ökonomie der eingesetzten Mittel, zumal seinem lakonischen Zugriff auf die bedeutungsvolle Frage nach grundlegenden Prozessen des Verstehens immer auch ein hintergründiger Humor immanent ist.
Während sich das Werk von Mančuška erst durch ein Abschreiten des Raumes erschließt und dabei das Verstehen selbst im Raum dekonstruiert wird, versetzt Jonas Dahlberg den Betrachter in seinen Video-Installationen in einen unsicheren Zustand der Desorientierung. Die Wahrnehmung des eigenen Standortes wird in langsamen Kamerafahrten durch eine menschenleere Stadt oder ein menschenleeres Haus destabilisiert. Dahlberg fertigt kleine Modellbauten an, die mit einem cinematografischen Zugriff in projizierte Illusionsräume münden. Physische und psychische Unsicherheit, die der architektonische Raum hervorrufen kann, überträgt sich auf den Betrachter. Derart irritiert in der eigenen Wahrnehmung des Ortes, wird sich der Betrachter mal schwerelos, mal schwindelnd im Ausstellungsraum wiederfinden. Eigenes Beobachten und Beobachtet-Werden ist dabei ein zentrales Thema. Der Begriff des Unheimlichen, wie es von Freud als das Einbrechen des Gewohnten (unHEIMlich) geprägt wurde, zeichnet das Werk von Dahlberg aus und befragt die Position des „Selbst“, des eignen Betrachterstandortes.
Im Bonner Kunstverein entwickeln Dahlberg und Mančuška ein Ausstellungsdispositiv, das den Standort des Besuchers, seine Wahrnehmung des Raumes und dessen begriffliches Verstehen in einem labyrinthischen System aufschlüsselt. Vermeintlich Stabiles, der Boden unter den Füssen und die Zuordnung von Sinnzusammenhängen, werden in ihrer eigentlichen Instabilität physisch erfahrbar.
