← Back
1/17

Claire Hooper, Installationsansicht, 2014, Bonner Kunstverein, Courtesy die Künstlerin und Hollybush Gardens, London. Photo: Simon Vogel

Alexandra Bachzetsis, Claire Hooper

Mit dieser Ausstellung stellt der Bonner Kunstverein das Werk zweier junger Künstlerinnen vor, die vom Körper und seiner medialen Vermittlung in der Pop-Kultur ausgehen. Mit der zunehmenden Bedeutung der sozialen Medien ist die Inszenierung von „Persönlichkeit“ und „Leben“ zur Selbstverständlichkeit geworden, die mediale Vermittlung von Körper, Haltung und Gestik stehen im Fokus. Alexandra Bachzetsis (*1974 in Zürich, lebt in Basel und Zürich) agiert als Performerin und Choreographin, während Claire Hooper (*1978 in London, lebt in London) vor allem dem Medium Film verpflichtet ist. Die Künstlerinnen greifen auf gesellschaftliche Konventionen und Normen zurück, um die subtile Gewalt sozialer Ordnungen sichtbar zu machen. Hooper verbindet in ihren Videos zeitgenössische Schicksale mit Erzählsträngen der griechischen Mythologie, während Bachzetsis Gestik und Körpersprache, wie sie in Clubkultur und Musikvideos sichtbar wird, in ihren Performances dekonstruiert. Zwischen beiden Positionen entwickelt sich ein Dialog über den Körper und seine Repräsentation in den Medien, sowie seine physischen Grenzen und sozialen Einschränkungen.

Bachzetsis tritt seit 2001 solo oder mit Partnern auf Bühnen und zunehmend auch in Ausstellungshäusern auf, darunter u.a. in der Kunsthalle Basel, 2008, documenta 13, 2012, Stedelijk Museum Amsterdam, 2013. Hooper präsentiert ihre Werke in Ausstellungen und Filmfestivals, u.a. auf dem Film Festival Rotterdam, 2013, MUMOK Wien, 2011, Kunstfilm Biennale Köln, 2010. Die Ausstellung im Bonner Kunstverein stellt ihre erste umfassendere Präsentation in Deutschland dar.

 

ALEXANDRA BACHZETSIS

Alexandra Bachzetsis bewegt sich mit ihren Arbeiten zwischen Performance, Tanz und bildender Kunst. Ihre Werke erzählen keine Geschichten, sondern zeigen Körper in kontrollierten Bewegungen, die einem klaren Ablauf folgen. Es werden Situationen evoziert – eine Tanzszene im Club, Alltagshandlungen einer Frau zu Hause -, die sich als Reflexionen zeitgenössischer Medienkultur durch die Strategie der Spiegelung und Repetition zu Bewegungsstudien verdichten. Die Künstlerin dekonstruiert Handlungsabläufe, die uns aus dem Alltag und popkulturellen Hintergründen bekannt sind, indem sie Gestik und Körpersprache als Indizien für kulturelle Codes aus dem Fluss des Bekannten isoliert und auf diese Weise entsprechende Zuschreibungen von Werten sichtbar macht. Dabei analysiert Bachzetsis ebenso die Mechanik von TV-Soaps und Hip-Hop-Videoclips wie auch Formen des klassischen Balletts, des Modern Dance oder der Performance Kunst.

Zum einen steht jeweils der Körper im Mittelpunkt, der in Bewegung und Tanz Sehnsucht und Projektion auf sich zieht und dabei doch immer seiner physischen Begrenztheit verhaftet bleibt. Zum anderen spricht Bachzetsis immer auch die mediale Vermittlung per se an. In „A Piece Danced Alone“ (2011) nimmt man die Künstlerin live und zugleich auf einem Monitor projiziert wahr, der Auftritt und seine Übertragung fallen in eins. Auch in „Rehearsal (ongoing)“ (2010) überlagern sich die eigentliche Aktion und dessen Dokumentation. So isoliert Bachzetsis in ihren Choreographien nicht allein Bewegungsabläufe, die sich am Körper festmachen lassen, sondern darüber hinaus die Rahmenbedingungen der Betrachtung. Sie schafft Beobachtungsstrukturen, die den Betrachter gleichzeitig verführen und auf sich selbst zurückwerfen: der Zuschauer pendelt stets zwischen Voyeurismus, Analyse und Selbstreflexion.

In „This Side Up“ (2007, in Zusammenarbeit mit Julia Born), erforscht die Künstlerin die räumliche Wahrnehmung von Choreographien, Dokumentationen und Notationen. Das Video, welches die Choreographie zeigt, ist gekippt und gedreht, so dass es die Thematik der räumlichen Wahrnehmung des Betrachters anschneidet. Daneben stellt Bachzetsis ein Poster mit Anleitungen bereit, das den Betrachter integriert und zum Protagonisten macht.

 

CLAIRE HOOPER

In den Werken von Claire Hooper trifft die britische Tradition des Dokumentarfilms auf Elemente, die der griechischen Mythologie entstammen. Im Mittelpunkt ihrer epischen Filmarbeiten stehen Figuren in prekären gesellschaftlichen Verhältnissen und ihre Verstrickung in restriktive Systeme. Das herkömmliche Format des Dokumentarfilms, das sich für eine aufklärerische Reportage anbietet, löst Hooper durch die Einführung von phantastisch anmutenden Bildsequenzen auf, in welchen die Figuren mythologische Charaktere annehmen.

Kaleidoskopartig changieren in der Narration dokumentarisch aufgenommene Versatzstücke des Alltags mit theatralisch aufgeladenen Passagen, in denen die Performance als Einbruch in die Wirklichkeit erscheint. Aktuelle, auf eine einzelne Person bezogene Geschichten werden durch gleichnishafte, mythologische Überhöhung in kollektive gesellschaftliche Bereiche überführt. Popkultur spielt auch bei Hooper eine wichtige Rolle, wenn sie ihre Figuren inszeniert. Im Gegensatz zu Bachzetsis geht es allerdings nicht darum, deren Funktionsmechanismen vor Augen zu führen, vielmehr nutzt sie deren Strategien für ihre eigene Zwecke, wenn sie mythische Figuren wie in Musikvideos als temporäre Bühnenstars agieren lässt.

Der Bezug zur Antike ist nicht nur thematisch, sondern auch strukturell angelegt. In dem Video „Eris“ (2011) übernimmt eine Rapperin die Aufgabe des Erzählens und offenbart die Tragik einer persönlichen Geschichte durch Gesang vor der eigentlichen Aufführung – ähnlich der Funktion des griechischen Theaterchors. Die Bilder zeigen das Schicksal einer jugendlichen Mutter, die um das Sorgerecht ihres Sohnes kämpft, und dabei unterschiedlichen Formen der Gewalt ausgesetzt ist. Sie bewältigt die Konflikte, indem sie sich immer wieder in Eris, die Göttin der Zwietracht, verwandelt. Während Bachzetsis die physischen Grenzen des Körpers thematisiert, lotet Hooper die sozialen Einschränkungen der einzelnen Figur aus. Beide Künstlerinnen zeigen den Körper und die Figur als schillernde, stets veränderliche Projektionsfläche. Hooper inszeniert den Körper, Gestik wie Haltung, in surreal anmutenden Tanzperformances, die es ihr erlauben, die irrationalen und auch triebhaften Kräfte, die unsere wohlorganisierte Gesellschaft weiterhin mit antreiben, bild- und tongewaltig zu porträtieren. In „Nyx“ (2010), benannt nach der Göttin der Nacht, begleiten wir einen jungen Kurden in der Berliner U-Bahn, der nach einer langen Nacht auf den Heimweg ist. In einem Zustand des Deliriums begegnet er der Figur des Thanatos, Gott des Todes, seinem Zwillingsbruder Hypnos, Gott des Schlafes, wie auch Pasithea, Göttin der Ruhe und Halluzination. In der U-Bahn, die gleichsam zur Unterwelt mutiert, werden zahlreiche kulturelle Konflikte des in den Westen gezogenen Jugendlichen sichtbar.

Auch Hooper beschäftigt sich mit der Frage des Ausstellungs- und Wahrnehmungsdispositivs: für die Ausstellung hat sie Strukturen entworfen, die gleichzeitig als Projektionsfläche und architektonische Ornamentik im Raum funktionieren. Auf Sitzelemente der Berliner U-Bahn verweisend, schaffen sie eine Verbindung zwischen dem tatsächlichen Ausstellungsraum, dem illusionistischen Raum des Films und dessen dokumentarischer Abbildungsfunktion.