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Anne Collier, Woman With A Camera (diptych), 2007. Courtesy die Künstlerin und Galerie Corvi Mora

Anne Collier, Fikrey Atay, Thomas Baumann

Der Bonner Kunstverein präsentiert die amerikanische Künstlerin Anne Collier (*1970, lebt in New York) in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland. An der Westküste geboren, hat sie ihre Ausbildung an der University of California, Los Angeles 2001 abgeschlossen. Ihre Arbeit war 2007 an der Whitney Biennale, New York zu sehen. Zu Einzelausstellungen war sie dieses Jahr erstmals in Vancouver (Presentation House Gallery, Januar 2008) und in Liverpool (Open Eye Gallery, April 2008) eingeladen. Anne Collier steht in der Tradition eines konzeptuell ausgerichteten Werkbegriffs, wie er auch von Künstlern wie John Baldessari, Sherry Levine, Louise Lawler oder Christopher Willams verfolgt wird. Collier reflektiert mit ihrem fotografischen Ansatz sowohl das Medium der Fotografie als solches, wie auch die Rolle der Fotografie in der zeitgenössischen Kultur. Fotografische Bilder – mit Vorliebe bekannte Sujets aus den 70er und 80er Jahren – vom Filmposter über Kunstmagazine bis hin zu Büchern und Plattencovern, dienen ihr als Motive. Die selbst bereits inszenierten Fotografien erfahren über das erneute abfotografieren durch Collier eine Zuspitzung. Es ist das Medium der Fotografie, das sich dem Festhalten des Flüchtigen verschrieben hat. Sonnenuntergänge, glitzernde Discokugeln, Schönheitsikonen wie Marilyn Monroe oder Madonna wecken Begehrlichkeiten einerseits und vergegenwärtigen Vergänglichkeit andererseits. Der Künstlerin gelingt es mit ihrem distanzierten, fast spröden Zugriff emotionale Inhalte wie Freude und Angst, Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Schuld in Szene zu setzen und auf diese Weise dem fotografischen Bild eine neue Facette abzugewinnen. Neben der präzise wie zugleich reduziert und zurückhaltend gesetzten künstlerischen Fragestellung zu den Themen Sehen, Verstehen und Habhaft-Werden, lädt Collier ihre Bilder oftmals mit einer eigentümlichen Patina von Nostalgie oder Sehnsucht auf. Indem die Künstlerin den Gebrauch der von ihr fotografierten Bilder offen legt – Papierknicke oder andere Spuren auf der perfekten Bildoberfläche sind sichtbar – wird den Motiven eine Geschichte von persönlicher Nutzung zugeordnet.

Ausgestattet mit einer Handkamera unternimmt der kurdische Künstler Fikret Atay (*1976, lebt in Batman und Paris) Streifzüge durch seine türkische Heimatstadt Batman und fängt Bilder ein, die ihm als Vorlage für seine Videoarbeiten dienen. Die Videoarbeit „Theoretician“, die Atay anlässlich der Biennale Bonn :Bosporus für den Bonner Kunstverein entwickelt hat, beschäftigt sich mit der religiösen Erziehung von Jugendlichen in der Türkei. Um sich die täglich abgehaltenen Religionsstunden besser einzuprägen, wiederholen die Jugendlichen die vermittelten Inhalte nach Unterrichtsschluss. Die Schüler, bis zu fünfzig an der Zahl, durchqueren dabei laut sprechend den Raum. Da sie beim Aufsagen den Rhythmus der anderen Jugendlichen nicht beachten, entsteht eine vielschichtige Geräuschkulisse. Welche Auswirkungen haben körperliche Tätigkeiten und Bewegungen wie Gehen und Sprechen auf Prozesse des Lernens und Verstehens? Wie wird Religion in diesem Fall vermittelt? Fikret Atay zeigt in seiner Arbeit die Widersprüche auf, die mit tradierten Lernpraktiken verbunden sind. Atays Arbeiten rufen bei dem Betrachter vertraute und gleichzeitig fremde Szenarien wach und erzeugen ein Gefühl der Widersprüchlichkeit und Dissonanz. Häufig stehen dabei Kinder und Jugendliche im Fokus, die beim Spielen, Tanzen oder Singen gezeigt werden. Der Künstler thematisiert in seinen Videos das Heranwachsen der Jugendlichen in einer Gesellschaft, die durch Umbrüche gekennzeichnet ist und zeigt diese Entwicklung auf, indem er orientalische Traditionen mit aktuellen, westlichen Einflüssen kollidieren lässt. Dabei werfen die von ATAY gezeigten Situationen grundsätzliche Fragen von Tradition und Entwicklung, Identität sowie der Rolle des Individuums in der Gesellschaft auf. Die Fragestellungen besitzen dadurch eine Gültigkeit, die es erlaubt, sie auf andere Kulturen und Situationen zu übertragen.

„Balancing the wrong and the true…““ ist die erste Einzelausstellung des österreichischen Künstlers Thomas Baumann (geb. 1967 in Salzburg, lebt in Wien) in Deutschland und ist in Kooperation mit dem Kunsthaus Baselland konzipiert. Baumann kann auf zahlreiche Ausstellungstätigkeiten verweisen, u.a. im Museum Moderner Kunst in Passau, in der Secession Wien oder in Gruppenausstellungen u.a. im Museum Tinguely, Kunsthaus Graz und im Haus Konstruktiv, Zürich, und wird anlässlich der Public Art Projects an der diesjährigen Art 39 Basel (4. – 8. Juni 2008) seine neuste Arbeit mit dem Titel „WAK“ im Aussenraum realisieren. Thomas Baumanns Objekte charakterisieren sich durch eine spielerischen und interaktive Herangehensweise. Die Neugierde aufs Experiment überträgt sich dabei unvermittelt auf den Betrachter. Seine der klassischen Bildhauerei verpflichtete Prägung erweitert er um technische und naturwissenschaftliche Komponenten und Fragestellungen. Wo sind die Grenzen zwischen Ordnung und Unordnung zu ziehen und gibt es sie überhaupt? Fragen nach Begriffen wie Zufall, schöpferische Kontrolle oder Freiheit liegen den Werken zugrunde. Formfindungsprozesse abstrakter Objekte werden gekoppelt respektive übergeben an programmierte hydraulische Systeme („Asilver“ , 1999/2008; „Shape’n Shade for a Black and White Rope“, 2005). Akustische Rezeption, wie in der Arbeit „Play the Door of Psycho“ 1998/2005 oder formal-kompositorische Fragestellungen, wie in der Arbeit „Taktloses Stück“ 2008, werden bei Baumann ebenso verhandelt wie soziale, ökonomische, gesellschaftliche und auch kulturelle Wertsysteme (Beam Statement, 2007). Mit seinen elektronischen Skulpturen, den maschinell gefertigten Malereien, den Filmen und Installationen, bereitet Thomas Baumann dem Besucher einen Handlungsraum und sucht gleichsam nach strukturellen Berührungspunkten von materiellem und mentalem Raum. Statik, Loslösung und Dynamik, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Wahrnehmen, Denken und Handeln erscheinen als stets neu in Balance zu bringende Variablen eines flüchtigen Ist-Zustandes.