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Brian Jungen, Installationsansicht, 2013, Bonner Kunstverein. Photo: Simon Vogel

Brian Jungen

Große, mit Tierhaut bespannte Trommeln aus Karosserieteilen fußen auf Eistruhen und ragen in die Höhe. In diesen für die Ausstellung entstandenen Werken mit den Titeln Moon, Companion und Mother Tongue verwendet Brian Jungen (*1970 in Ford St. John, British Columbia, lebt in Vancouver, Kanada) Tiefkühlschränke wie selbstverständlich als Sockel. Die formale Verwandlung von Gebrauchsgegenständen bildet seit langem den Kern seiner Arbeit, wie der Titel einer früheren monumentalen Skulptur, Shapeshifter (dt. Formwandler), es vermittelt. Jungen, Nachfahre nordamerikanischer Ureinwohner, entfremdet Güter westlicher Konsum- und Unterhaltungskultur und gestaltet sie in exotisch anmutende Skulpturen um. Dem Künstler dient dabei seine indigene Herkunft als Ressource für eine künstlerische Praxis, die stets Fragen nach der eigenen kulturellen Identität nachgeht.

Brian Jungen gilt als einer der wichtigsten kanadischen Künstler der Gegenwart, seine Werke wurden u.a. in Einzelausstellungen im New Museum of Contemporary Art, New York, 2005, im Witte de With, Rotterdam, 2007, oder im Smithsonian National Museum of the American Indian, Washington DC, 2009, ausgestellt. Dog Run (2012), sein kontrovers diskutierter Beitrag zur dOCUMENTA 13 in Kassel, zeigte die humorvoll-spielerische Seite des Künstlers: Ein Hindernisparcours, in dem Herrchen und Hund über Kunst balancieren durften und die unabdingbaren Rollenverschiebungen von Mensch und Tier zur Schau stellten.

In seiner Ausstellung im Bonner Kunstverein, die in Kooperation mit dem Kunstverein Hannover realisiert wurde, präsentiert Jungen Werke aus den letzten zehn Jahren. Systematisch nähert er sich den verloren gegangenen kulturellen Werten der indigenen Bevölkerung Kanadas an und thematisiert die Symptome ihrer heutigen Identitätskrise, die aus einer jahrhundertelangen Kolonialgeschichte hervorgeht. So zum Beispiel steht der vom übermäßigen Alkoholkonsum geprägte Lebenswandel vieler Indianerfamilien im Zentrum von Portable Still, einer Installation aus Bierfass, Plastikschläuchen und Kinderwagen.

Jungens Transformationen des Alltäglichen werden auch in den Werken 1960, 1970 und 1980 als Strategie der Wiederaneignung schwindender Identität erkennbar. Aufeinandergestapelte Golftaschen wurden zu Totempfählen zusammengefügt. Sie deuten auf den vereitelten Versuch, gravierenden Einfluss auf das ursprüngliche Lebensumfeld indigener Völker auszuüben: Der Bedrohung einer Landenteignung für den Bau eines Golfplatzes wirkten die kanadischen Mohawk-First Nation People erfolgreich entgegen. Obwohl der Golfsport eine kultivierte Naturverbundenheit vorgeblich pflegt, entpuppt er sich als Aggressor. Die drei Werke weisen sowohl auf den Kampf für die eigenen Rechte als auch auf die unterschiedlichen Verständnisse von Natur und Kultur hin. Die Unzulänglichkeit einheitlicher Kulturkonzepte formuliert Jungen in seine Vorliebe für hybride Formen.

Der Künstler spielt auf Bilder des Exotischen an, um so weitreichende Fragestellungen zu anthropologischen, ökonomischen wie kulturellen Grenzbereichen zu formulieren. Das Politische in seinem Werk liegt in der skulptural inszenierten Verbindung zwischen Konsumgütern und den als klassische Artefakte indigener Kultur erkennbaren Objekten. Der Künstler stellt die gängigen Vorstellungen von Eigenem und Fremdem, von Adaptiertem, Angeeignetem und Aufgezwungenem auf die Probe. So decken Jungens Werke die Illusionsmechanismen eines auf Komfort ausgelegten Lebensstandards auf, der sich in Designerstühlen, praktischen Haushaltsgeräten, schicken Autos, hightech Sportbekleidungen und gepolsterten Golftaschen niederschlägt.