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Petrit Halilaj, Judith Hopf, Bedwyr Williams, Installationsansicht, Bonner Kunstverein, 2011. Photo: Simon Vogel

Ernste Tiere: Petrit Halilaj, Judith Hopf, Bedwyr Williams

Mit Petrit Halilaj, Judith Hopf und Bedwyr Williams werden drei Künstler vereint, deren künstlerische Praxis sich maßgeblich auf die eigene Biografie und Lebenssituation beruft. So eigensinnig sich ihr jeweiliges Werk behauptet, sprechen doch alle drei Künstler gesellschaftliche Themen an: Fragen nach Codes und Konventionen des Alltags, nach Identität und Integration – unter anderem in der Kunstwelt – oder nach ungeschriebenen Grenzen zwischen Kulturen und sozialen Gruppen.

Halilaj, Hopf und Williams wählen trotz aller Heterogenität einen gemeinsamen Weg, jene brisanten und ernsten Themen aufzugreifen: die indirekte Ansprache. Dieser indirekte Weg mittels Kabarett, Parodie und Komödie – vor allem das Genre der Komödie als eine Mischung aus Komik und Ernst – ist oftmals der wirksamste Weg, kontroverse Themen in die Gesellschaft zu tragen. Während die drei Künstler ihre eigene Situation beobachten, entwickeln sie in ihrer künstlerischen Praxis eine gewisse Distanz und Ironie zur eigenen Erfahrung und lassen idiosynkratische Erzählstrukturen ins Leere laufen. Das Verarbeiten der jeweiligen Lebenskontexte geht bei allen drei Künstlern einher mit einer starken Verbindung zur Natur – als Ort des Rückzugs einerseits, aber auch als Ort, der seine Unschuld verloren hat und heute als Referenz für existentielle Erlebnisse steht, andererseits.

Besonders offensichtlich wird die Verknüpfung von Natur, Identität und Existenz bei dem Projekt Kostërrc von Petrit Halilaj (*1986 in Runik, Kosovo, lebt in Berlin, Mantova und Runik), das sich auf sein Heimatland bezieht. Halilaj ließ ein riesiges Stück aus dem seit dem Krieg wertlosen Grundstück seiner Familie ausgraben, um dieses auf der exklusiven Kunstmesse Art Basel zu zeigen. Die Präsentation für den Bonner Kunstverein ist eine Fortführung davon und fokussiert auf die Leistung des Künstlers, diese Erde selbst migrieren zu lassen.

Judith Hopf (*1969 in Karlsruhe, lebt in Berlin) nutzt ähnlich wie Halilaj Objekte der Alltagskultur, die sie in skulpturalen Werken, Installationen, Performances und Videoarbeiten verarbeitet. Eine eigenartige Theatralik durchzieht das Werk der Künstlerin. Gesellschaftliche Konventionen werden hier befragt, und soziale Machtgefüge wie auch Erwartungshaltungen des Betrachters geraten aus dem Lot. Es sind fantastisch anmutende Gestalten und Erzählungen, so beispielsweise ihr Video um ein Pferd, das zählen kann, die durch die Überhöhung ins Absurde grundlegende Thesen zur Verhaltenslehre ins Spiel bringen.

Für Bedwyr Williams (*1974 in St. Asaph, Wales) ist der selbst gewählte Lebensort im ländlichen Wales Ausgangspunkt für seine künstlerischen Beobachtungen. Neben Skulptur und Installation ist die Performance für Williams ein wichtiger Bestandteil seiner Praxis. Hier bilden persönliche und familiäre Geschichten den Ausgangspunkt für eigensinnig verwobene Erzählstränge, die am Ende oftmals spielerisch moralische oder ethische Grundsätze zum Vorschein bringen. Sein Rückgriff auf traditionelle Materialien und deren Umdeutung verweist bei Williams auf allgemein konnotierte Grenzen – etwa zwischen Land und Stadt, Tradition und Moderne, Kunst und Alltag – und zerlegt deren klassische Zuordnung.
An der Vernissage im Bonner Kunstverein wird Williams die Performance „Urbane Hick“ präsentieren, was soviel wie weltmännischer Provinztrottel bedeutet. Für diesen Anlass fängt er an, Geschichten zu erzählen, die sich in weiteren Geschichten verzweigen, so dass seine abschweifende Rhetorik sehr raffiniert und dennoch absurd erscheint. Wie eine Buchpräsentation inszeniert, gerät sein Versuch, sich selbst darzustellen, zunehmend ineffizient. Die traditionelle Rolle des Künstlers als Spiegel seiner Zeit und seiner Umgebung wird hier
in seiner ganzen Ambivalenz zur Schau gestellt.

Die drei Künstler beziehen in ihre Arbeit Elemente ihres Alltags ein, die entweder als Identifikationszeichen gelten – wie beispielsweise die Erde beziehungsweise die Landschaft aus der Heimat – oder als Zeichen der Angehörigkeit zu einem beruflichen Status respektive einer sozialen Gruppe zu verstehen sind. Die Künstler lassen durch einen Entfremdungsprozess die Ungewissheit, die mittlerweile über traditionelle Referenzpunkte herrscht, sichtbar werden, wobei die Vielschichtigkeit ihrer Werke die Aufmerksamkeit auf die Zwiespältigkeit dieser Referenzen lenkt: sie wirken gleichzeitig hinfällig und relevant. In der Ausstellung finden sich einerseits aus ihrem Kontext gelöste Materialien und anderseits solche, die als Verbindungselemente gelten und physisch verfestigt wurden, wie zum Beispiel Ketten. Die Verflechtungen vergangener Orientierungspunkte und heutiger Identitäten spiegeln den Versuch wider, mit scheinbarer Naivität gesellschaftliche Konstrukte neu zu überdenken.