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Luca Frei, Installationsansicht, Bonner Kunstverein, 2012. Photo: Simon Vogel

Luca Frei: The Fifth Buisness

Der Ausdruck Fifth Business bezieht sich auf eine Art von Charakter klassischer Dramen, der weder der Held, der Vertraute, der Rivale noch der Schurke ist. Obwohl er nur eine Nebenrolle besitzt, bringt er ein Schlüsselelement in die Handlung ein. Dieser Begriff, entliehen aus der Literaturtheorie, wird von Robertson Davies in seinem gleichnamigen Buch erläutert und dessen Geschichte einbezogen. Die Übernahme des Titels deutet auf eine narrative Komponente in der Ausstellung von Luca Frei (*1976, Lugano) hin. In seiner ersten Einzelpräsentation in Deutschland zeigt der Künstler Skulpturen und Installationen, die die gesamte Halle architektonisch bespielen. Eine scheinbare Heterogenität prägt die Ausstellung, doch bildet das Medium der Zeichnung einen gemeinsamen Ausgangspunkt für die meisten Werke – seien es Skulpturen oder Wandreliefs. Ein großer Metallring hängt von der Decke im Vorderraum und dient als Präsentationsform für Fotokopien von Zeichnungen, welche die Besucher durchblättern können. Zwei von diesen Zeichnungen wurden auf die Wand übertragen mit Hilfe vom LED Flextubes: ein einfaches, industriellhergestelltes Material, das verwendet wird, um diese überdimensionierten Emoticons auf die Wand zu zeichnen.

Im selben Raum kann jeder Besucher eine der zahlreichen Sanduhren von der Arbeit The Sun 24 Hours (2011) betätigen und dadurch die in der Ausstellung verbrachte Zeit für andere sichtbar machen. Doch weisen die mundgeblasenen Sanduhren leichte Abweichungen auf und vermeiden eine exakte Messung der Zeit. Die Installation stellt die Existenz von multiplen Zeiten dar, die öfters divergieren und sich manchmal widersprechen. Das ursprüngliche Verpackungsmaterial der Sanduhren, Seiten der italienischen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore, verleiht der Arbeit ihren Titel. Sie wird mit einer weiteren Zeitung in Verbindung gebracht, die im Rahmen der Ausstellung entstanden ist und für den Besucher zum Lesen in der Halle zur Verfügung ausliegt.

Handlungsszenarien und Zeiterfahrung sind wichtige Aspekte der Ausstellung. Auf eine der Wände wurde eine Kreislinie gezogen. Ein Seil hängt genagelt in ihrer Mitte – Spuren einer Handlung, die in der Vergangenheit liegt. Die Arbeit The End of Summer (2010) weist auf potentielle Handlungen in der Ausstellung, bei welcher feste Strukturen und Skurriles aufeinandertreffen. Eine Schürze in Übergröße befindet sich an einem Haken, als ob man sie gerade da hingehängt hätte. Ihre Dimensionen deuten auf die Existenz von Riesen, während die Zeichnung auf ihrer Oberfläche zeigt, wie eine Kreatur im Hochhauskostüm von Krokodilhunden angegriffen wird. Dieses Objekt mit surrealem Charakter wirkt, wie weitere Werke in der Halle, akkurat und zugleich abwegig. Im Raum freistehende Metallstrukturen basieren formal auf Graffitis, bei denen die Buchstaben tanzenden Körpern ähneln. Diese linearen Skulpturen, deren Proportionen an Silhouetten erinnern, fügen sich zu einer mehrteiligen Einheit, die sich zwischen Körper und Text entfaltet. Etwas weiter steht eine bronzene Ananas stolz auf einem niedrigen Podest, wie ein Totem oder eine Reliquie einer in Vergessenheit geratenen Kultur.

Zwischen heiterer Naivität und raffinierter Materialität entwickelt sich die visuelle Ebene dieser Ausstellung. Die gesellschaftlichen Themen, die in Freis Arbeit zu finden sind – wie Identität, das Maß der Zeit, Kontrolle des Körpers, Anpassungszwang – werden immer wieder auf eine anscheinend arglose, unbedarfte Art angesprochen, der nicht zuletzt auch Selbstironie innewohnt. Der Schweizer Künstler lebt in Malmö. Seine Arbeiten waren schon in zahlreichen Ausstellungen vertreten (u.a. in der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, im Moderna Museet Stockholm, im M KHA, Antwerpen, oder in der Kunsthalle Zürich).