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Mathias Poledna, Christopher Williams, Installationsansicht, Bonner Kunstverein, 2009. Photo: Achim Kukulies

Mathias Poledna / Christopher Williams

Die Ausstellung der Künstler Mathias Poledna (*1965 in Wien, lebt in Los Angeles) und Christopher Williams (*1956 in Los Angeles, lebt in Los Angeles und Köln und ist seit 2008 Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf) steht in einer Reihe, die der Kunstverein mit dem Projekt von Jonas Dahlberg und Ján Mančuška (2005) begonnen hat. Die Künstler sind eingeladen, sich auf einen künstlerischen und intellektuellen Dialog einzulassen, der im Kunstverein vermittelt wird. Polenda und Williams verfolgen einen streng (post-)konzeptuellen Ansatz, bei dem sie die Bedingungen von Präsentation und Repräsentation, die vermittelte Wahrnehmung und wirklichkeitstreue Wiedergabe von Realität hinterfragen. Die Thematisierung der Autorenschaft sowie das Sichtbarmachen der Produktionsbedingungen sind zentral in ihrem Werk. So ist es nur folgerichtig, wenn die Künstler gemeinsam eine Ausstellungskonzeption verfolgen, in der sowohl die eigentliche Entstehung der Ausstellung wie auch ihre Rahmenbedingungen im Fokus stehen.

In der Ausstellung werden unterschiedliche, flexible Wandelemente von Ausstellungshäusern aus der Umgebung präsentiert. Gleichsam als großformatige Skulpturen ausgestellt, verweisen die jeweiligen Architekturfragmente auf die zahlreichen, unterschiedlich ausgeprägten Ausstellungshäuser im Rheinland. Das Wandsystem stellt jeweils das leitende architektonische Motiv einer Institution dar: Es bildet das Skelett, die grundlegende Struktur, in der sich ein jedes künstlerisches Werk für eine Ausstellung einpasst.

Mit dem Fokus auf flexible Wandsysteme werden grundlegende Fragen nach den Modalitäten einer Präsentation aufgeworfen. Auf welche Art und Weise wird aus welchem Grund etwas ausgestellt? Neben den vielfältigen Bezugssystemen, die gerade auch durch die Ausstellungsarchitektur geschaffen werden, interessieren sich Poledna und Williams auch für die weitreichenden, bis heute wirksamen sozialen Implikationen der historischen Moderne. Hier nun steht nicht nur die Architektur als Mittel einer bestimmten Raumerfahrung im Zentrum, sondern auch ihr gesuchter flexibler Charakter. In „The Corrosion of Character“,1998) weist der Soziologe Richard Sennett „Flexibilität“ als das Zauberwort eines globalen Kapitalismus aus, dessen Gesellschaftsordnung dem menschlichen Bedürfnis nach Stabilität grundlegend widerspricht und dessen Folgeerscheinungen gerade in der tiefen Erschütterung einer Finanzkrise sichtbar werden.

„Die Wand ist keineswegs der kleinste gemeinsame Nenner in den Arbeiten von Mathias Poledna und Christopher Williams. Sie überschneiden und begegnen sich in der jeweiligen Form der Bildproduktion. Doch stellt der Bezug zur Wand, auf der eine Fotografie hängt, ein Film projiziert wird oder die einfach einen Raum teilt, begrenzt oder definiert, einen entscheidenden Aspekt beider Arbeiten dar. Im konzeptuellen Selbstverständnis der sechziger und frühen siebziger Jahre wurde die Wand als entscheidendes Element des „Framings“ eines Ausstellungsorts verstanden, an dem dessen architektonische, gesellschaftlich-institutionelle und ökonomische Bedingungen ablesbar werden. War jedoch für Künstler dieser Generation eine Verschiebung vom Werk zum Kontext konstitutiv, in der die Geste der Lenkung der Aufmerksamkeit auf den Rahmen des Ausstellens selbst mit dem Verzicht auf ein Werk innerhalb dieses Rahmens einherging, steht der Rahmen hier in einem speziellen Austauschverhältnis zum Werk, das wiederum erst im Austausch mit seinen Rahmenbedingungen zu einem solchen wird. Die einzelnen Aspekte der Arbeit erschließen sich von den inhaltlichen Momenten über die Modalitäten der Aufnahme, der Rahmung und der Präsentation in Referenzketten, in denen die Wände eines Raumes jeweils nur ein Element unter vielen sind. Diese Wände als ein solches Element zu isolieren kehrt die Bewegung vom Werk zum Kontext um. Nicht nur, weil den Wänden in ihrer Zur-Schau-Stellung skulpturale ebenso wie bildhafte Eigenschaften zuschreibbar werden, sondern weil in der Kette der Referenzen der Kontext prinzipiell gar nicht mehr vom Werk abtrennbar ist. Gleichzeitig indizieren die Wände nicht mehr direkt die gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie dies gerade nur durch die historisch spezifische Geste der Abwesenheit eines Werks vermochten. Statt dessen verweisen sie auf die archivarisch-typologischen und damit historischen Bedingungen des Ausstellens selbst. Die Abwesenheit von Bildern in dieser Ausstellung kündigt daher keineswegs einen weiteren Ausstieg aus dem Bild an. Die Bilder bleiben präsent, auch wenn sie nicht zu sehen sind. Was sich löst, das ist der enge konzeptuelle Zusammenhang von Bild und Rahmen, Werk und Kontext. Erst in dieser Öffnung werden die Wände selbst als historisch geprägte Bilder lesbar.“

Helmut Draxler, 2009