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Miriam Schwedt, Installationsansicht, Bonner Kunstverein, 2012. Photo: Simon Vogel

Peter Mertes Stipendium 2011: Lin May, Miriam Schwedt

1985 vergab die Peter Mertes Weinkellerei (Bernkastel-Kues) erstmalig das Stipendium, welches seitdem zu einer anerkannten Förderung im Rheinland geworden ist. Die Jury 2011 (Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet, Dr. Gregor Jansen, Matti Braun, Christina Végh) wählte Lin May (*1973 in Würzburg, lebt in Berlin) und Miriam Schwedt (*1985 in Marktredwitz, lebt in Düsseldorf), deren jeweiliges Werk so unterschiedlich wie eigenständig ist. Während sich Schwedts Fotografien in der Auseinandersetzung mit dem Medium, Mays Arbeiten aus einer engagierten Haltung heraus entwickeln, finden beide Künstlerinnen zu einer analytischen und zugleich poetischen Bildsprache.

Lin May hinterfragt in ihren Werken – Texte, Zeichnungen, Skulpturen und Scherenschnitte – den menschlichen Umgang miteinander und insbesondere den Tieren gegenüber. In Bonn zeigt die Meisterschülerin Tony Craggs neben einem Relief aus Styropor beleuchtete Scherenschnitte, die aus großformatigen schwarzen Papierbögen und farbigen Transparentpapieren bestehen. Auf spielerische Art verweben sich ihre Motive zu gleichnishaften Geschichten, die von einer zivilisationskritischen Sicht geprägt sind. Währungssymbole und Kursdiagramme flankieren beispielsweise in Nagheoleed ( 2010/11), die ‚neolithische Revolution‘ und verbinden die an Höhlenmalereien erinnernden Darstellungen mit systemkritischen Diskussionen der Gegenwart. Konkret, doch zugleich poetisch, hinterleuchten Mays engagierte Arbeiten die bestehenden Machtstrukturen und fordern den Betrachter zum Neudenken und Handeln auf. In ihrem Ausstellungskatalog Recipes from Iraq verzichtet die Künstlerin auf Abbildungen ihrer Werke und lässt stellvertretend vegane Rezepte abdrucken.
Ebenso vielschichtig wie reflektiert sind die Arbeiten der zweiten Stipendiatin. Trotz der heutigen Vielzahl fotografischer Bilderzeugungsverfahren konzentriert sich Miriam Schwedt auf die Möglichkeiten der analogen Schwarzweißfotografie und fertigt ihre eigenen Abzüge im Lithprint-Verfahren. Die dabei entstehenden Unikate besitzen eine ganz eigene Stille: Verlockend weit und ewig erscheinen die feinschattierten Hügel der amerikanischen Landschaft, und in den Aufnahmen einer nächtlichen Baustelle geraten die Bewegungen der Montagekräne zur surreal-tänzerischen Performance. Neben diesen poetischen Momenten lassen die Arbeiten Schwedts, die 2011 ihr Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Christopher Williams abschloss, auch ein konzeptionelles Interesse erkennen. Indem sie beispielsweise Baumgruppen in extremer Kontrastierung oder Nahsicht ablichtet, werden die Zweige zum abstrakten Ornament, zu feinen Linien einer ‚all-over‘-Struktur. Die Eigenheiten, die im Prozess der Entwicklung hinzutreten, verleiten den Betrachter, beim ‚Schweifen über die Bildoberfläche’ noch tiefer in die kleinformatigen Arbeiten einzusteigen. Vielseitig reflektiert Schwedt die Parameter der frühen Fotografie und formuliert eigene, anachronistisch-zeitgenössische Momente des Zeitlosen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Peter Mertes Stipendium 2011: Lin May & Miriam Schwedt, Bonner Kunstverein 2012; Texte: Christina Végh, Melanie Bujok, Lin May, zus. 32 S., EUR 10 / EUR 8 (Mitglieder)