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Studio Gander. Courtesy der Künstler und Bonner Kunstverein.

Ryan Gander: Something Vague

Mit Ryan Gander (*1976, lebt und arbeitet in London und Amsterdam) zeigt der Bonner Kunstverein einen renommierten Vertreter der jungen britischen Kunstszene erstmals in einer Einzelschau in Deutschland. Die Ausstellung mit dem Titel „Something Vague“ bietet einen vertieften Einblick in das Schaffen des Künstlers.

Ganders Werk zeichnet sich durch eine konzeptuelle Herangehensweise und visuelle Einfachheit aus und besticht durch eine Vielzahl formaler Mittel und Medien. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Neuen Kunst Halle Sankt Gallen konzipiert und ist für Bonn massgeblich erweitert worden.

Ryan Gander studierte an der Manchester Metropolitan University, der Jan Van Eyck Academie, Maastricht (1999–2000), und der Rijksakademie, Amsterdam (2001–2002). Seine Arbeiten waren u.a. im CCA Wattis Institute, San Francisco 2007, dem Stedelijk Museum, Amsterdam 2007, der Tate Britain, London 2006, und dem MUMOK, Wien 2006 zu sehen. Im Rahmen der Art 36 in Basel hat Gander 2005 den Baloise Kunst-Preis für seine Audio-/Videoarbeit „Is this guilt in you too – (Study of a car in a field)“, 2005, gewonnen.

Nachdem der Bonner Kunstverein im letzten Jahr John Baldessari präsentiert und in der Gruppenausstellung „Neue Konzepte“ eine Vielzahl ganz junger Künstler mit konzeptuellem Ansatz gezeigt hat, wird mit der Einzelschau „Something Vague“ von Ryan Gander ein weiterer aktueller Künstler vorgestellt, welcher der historischen Konzeptkunst verpflichtet ist. Ganders Oeuvre dreht sich um die Dekonstruktion und Offenlegung von Erzählstrategien. Im Zentrum stehen dabei selbstreferentielle und -reflexive Themen wie künstlerische Autorschaft oder Werkgenese. Neben Videoinstallationen, Skulpturen und Fotografien umfasst seine künstlerische Praxis auch Gespräche und Unterhaltungen, die sich wie Performances gestalten, oder Künstlerbücher, die als Drehbücher für Fernsehserien erscheinen. Ist der Betrachter von Kunst für gewöhnlich mit einem spezifisch gestalteten Objekt konfrontiert, auf dessen Sinn er sich einen Reim zu machen versucht, muss er bei Ryan Gander die Werkelemente meist selbst zunächst zu einem Ganzen zusammen fügen, bevor er zur eigentlichen Interpretation ansetzen kann. So nötigt z.B. „Making it up as he went along (Alchemy Box 7)“, 2008 den Betrachter dazu, sich erst die Materialisierung des eigentlichen Werks vorzustellen. Gander stellt eine Inventarliste aus, die über das nicht sichtbare Innenleben eines Sockels informiert. Die imaginierten Objekte im Sockel machen das Werk aus, das wiederum in einem Sinnzusammenhang gesehen werden will. Das Unsichtbare, das erst in der Vorstellung des Betrachters Gestalt annehmen kann, zieht sich als Thema wie ein roter Faden durch die Werke. Das weisse Papier, das darauf wartet, vom Künstler in irgendeiner Form be- und gezeichnet zu werden, bildet ein wiederkehrendes Motiv.

„Felix provides a stage – (Eleven sketches for ‚A sheet of paper on which I was about to draw, as it slipped from my table and fell to the floor)”, 2008, zeigt Aufnahmen aus dem Atelier des Künstlers. Die leeren Blätter stehen als Orte möglicher Kunstwerke verheissungsvoll im Raum. Die Arbeit rückt den Ort der Kunstproduktion ins Zentrum, das so luftig anmutende Atelier mit flatternden Papieren deutet auf die Leichtigkeit wie Flüchtigkeit künstlerischer Ideen hin. Raumfüllende Absenz erfährt der Betrachter in der Ausstellung bei der Konfrontation mit „She walked ahead, leading him through a blizzard of characters“, 2008. Der Titel bezeichnet eine frisch verputzte Wand, hinter der sich eine Erzählung verbirgt. Diese hat Gander einem Ghostwriter abgekauft, der den Text ursprünglich für den mexikanischen Künstler Mario Garcia Torres geschrieben hatte, aber dafür nie vergütet worden war. Der Text wiederum bezieht sich auf das Pseudonym Alan Smithee, welches in den Jahren 1968-1999 von namhaften Regisseuren benutzt wurde, um ihre eigene Autorenschaft zu verbergen. Der Text, im Auftrag von Gander nur angebracht, um wieder vollständig und für immer hinter dem frisch verputzten Gips einer Ausstellungswand zu verschwinden, stimuliert nicht nur die Neugierde, gleichsam die Grundvoraussetzung des Gegenwartskunstpublikums, sondern thematisiert durch das Aufsetzen einer neuen Schicht auch die Geschichte einer Institution. Ganders  Ausstellung lässt sich als ein facettenreiches Entdeckungsfeld begreifen, das den Besucher durch minimale, theatralisch inszenierte Eingriffe in spielerisch miteinander vernetzte Erzählungen verwickelt.